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Meine Zeit in Nepal

Vajra Vahari Health Care NepalPosted by Gabrielle Kriessler Sun, January 19, 2014 16:05:26

Eine Zeit in Nepal

Volontariat Gabrielle Kriessler von August bis Dezember 2013

Was lange währt…..ich dachte schon, es wird nichts mehr mit meinem Wunsch für ein Volontariat ins Ausland zu gehen, aber dann, unverhofft, kam die Nachricht von Sylvia und dem TCM Sozialforum, dass ein Volontär gesucht würde von August bis zum Ende des Jahres in Nepal! Das war Ende Juni! Einmal kurz geschluckt, das war es ja, was ich wollte. Ich sagte zu, allerdings erst für Mitte August.

Am 20.8. ging mein Qatarflug über Doha und am 21.8. morgens um 8 Uhr landete ich in Kathmandu. Anjali, unsere Betreuerin und Assistentin in Nepal, die ich bereits via email kennengelernt hatte, holte mich ab.

Was waren die ersten Eindrücke? Ich fühlte mich überhaupt nicht fremd, aber die chaotischen Zustände dessen, was sie Straßen nennen, irritierten mich doch sehr. Für 3 Tage blieb ich in Kathmandu in einem Gästehaus nahe des sogenannten Affentempels (zu Recht) und Anjali war mir eine wunderbare Begleiterin für die ersten Erkundungen, Swayambu, der Affentempel, Paschupathinat, Shivas wichtige Tempelstätte und Ort der Leichenverbrennung am heiligen Fluss Bagmati gelegen, Boudha, mit der größten Stupa der Welt, Bhaktapur, wunderschöne ehemalige Königstadt mit einmaliger Architektur, natürlich Thamel, Lieblingsziel und Nepals Konsumtempel für Touristen und auch der wunderschöne Dream Garden, von dem vor allem Anjali hingerissen war, denn sie kannte diesen schönen Platz nicht.

Am Sonntag nahmen wir ein Taxi für den Weg nach Chapagaon, meine Wirkstätte für die nächsten Monate. Ich war schon enttäuscht, das hübsche Bild vom Internet vor Augen, denn das fand ich nirgends wieder, dafür mehr Geröll und Gerümpel und noch mehr streunende Hunde in den Straßen und Gassen. Der Empfang in der Klinik war herzlich, es ging geschäftig zu, denn sonntags, so lernte ich, behandeln der tibetische, der ayurvedische und der homöopathische Doktor.

Chapagaon ist ein Dorf im Kathmandutal, das man sich nicht als idyllischen Ort vorstellen sollte. Die einfache Straße ist sehr befahren, es ist laut und die Luft schlecht. Und doch hat es etwas Beschauliches. Die Architektur ist typisch für die Tradition der Newar, schöne Häuser mit verzierten Fenster und Türen, immer mit mehreren Dachterrassen in verschiedenen Himmelsrichtungen ausgestattet. Die Newar sind für ihre handwerklichen Fähigkeiten berühmt, Holzschnitzereien filigran und von höchstem Niveau. Davon zeugen auch die vielen kleinen Tempel und Altäre, die entlang der Dorfstrasse zum Bild gehören. Zur Dorfanlage gehört auch immer mindestens ein Teich oder ein angelegtes Wasserbecken. Das Leben findet vorwiegend im Freien statt, vor den Türen wird gedroschen, werden Matratzen gestopft, wird verkauft und gehandelt, oder am Feierabend zusammengesessen und geredet. Drumherum das Vieh, Ziegen, Kühe, Enten, Hühner und natürlich Hunde, die frei herumlaufen und eine echte Herausforderung für Autos, Busse und Motorräder sind. In fast jedem Haus befindet sich im Erdgeschoss ein Laden und in jedem Laden die gleiche Ware, vom Gasbehälter über Feuerzeuge und Plastikschüsseln bis zur Tütenmilch. Häufig ist auch eine Garküche dabei für Pakhora, Samosas oder Malpas, alles in Öl Gebackenes.

Mein Zimmer groß, hell und sauber erfreute mich, ebenso wie die sanitären Einrichtungen, ich war auf anderes gefasst. Nachmittags bekam ich eine kleine Einführung in das Arbeiten mit Übersetzern, alles intelligente junge Nepali, zumeist mit Studium.

Und am nächsten Tag ging es los. 15 Patienten waren für mich vorgesehen, drei zur gleichen Zeit in einem kleinen Raum mit einer Liege und einer Matratze auf dem Boden, für den dritten war ein Stuhl vorgesehen. Ich begriff ganz schnell, dass meine „deutsche“ Vorgehensweise mit vielen Fragen und ausführlicher Anamnese hier nicht funktionieren würde. Hier musste ich zügig entscheiden und handeln. Noch mehr überrascht war ich über die Art der Krankheiten, die ich vorfand: fast alles „Bi Syndrom“ (Erkrankungen des Bewegungsapparates für nicht Eingeweihte) Schulter, Hüfte, Kniebeschwerden - alles „Dukcha“ - mein erstes Wort in Nepali, was bedeutet: „es tut weh“. Gott sei Dank kam sehr häufig ein „Tikcha“ nach der Behandlung, was wiederum, bedeutet: „es ist gut!“. Wieso hatten die Menschen alle diese Beschwerden? War es Kälte oder Feuchtigkeit? Von allem ein wenig, aber eindeutig waren viele von ihnen übergewichtig! Das hatte ich nicht erwartet, auch nicht, dass Hypertonie, Diabetes und Gastritis weit verbreitet sind.

Um die Schmerzen zu lindern zog ich alles aus dem therapeutischen Hut, was zur Verfügung stand. Ich moxte, schröpfte, nadelte, massierte und wendete Gau Sha an, eine Technik, die den Dolmetschern gut gefiel und die ich ihnen gern beibrachte. Mit ihrer Hilfe bei den manuellen Techniken, die sie sehr geschickt ausführten, konnten wir schnell vielen Patienten helfen, soweit es die Umstände zuliessen. Denn ein Problem konnten wir nicht aus der Welt schaffen. Frauen in Nepal, vor allem vom Stamm der Newar sind ausser in ihre hübschen Saris noch in ein meterlanges Tuch gewickelt, das sie um die Taille tragen (eigentlich sehr vernünftig). Wie da akupunktieren? Meine Bitte, Hüfte, Knie oder Schulter freizumachen scheiterte, denn die Damen tragen keine Unterwäsche, wie sie kleinlaut zugaben. Wenn je einer von der Kunst des Nadeln sprach, spätestens jetzt verstand ich.

Das war jetzt mein Stundenplan, morgens um 9 kamen die ersten Patienten, bis 12.30, dann Mittagessen, das für uns alle von der stets freundlichen Urmilla zubereitet wurde. Es gab stets Dal Bhat, das typische nepalische Gericht: Einen Berg Reis (in der Clinic brauner Reis - sehr zum Unmut der Nepali, aber Nicky, unsere Klinikleiterin, bestand darauf, dass brauner Reis gesünder sei - und ohne Salz wegen dem weitverbreiteten Bluthochdruck), dazu die obligatorische Linsen Sauce -bzw. Suppe und verschiedene Sorten Gemüse (Senfblätter) und Kartoffel, ein Gericht immer kräftig gewürzt, und ein Chutney, meist aus Tomaten. Vormittags und nachmittags brachte uns Urmilla stets ein Becher Tee, anfangs mit reichlich Milch und Zucker, was typisch ist für Nepal, nachdem aber bekannt wurde, dass wir vor zuviel Milch und Zucker warnen, blieb zumindest die Milch weg.

Eine halbe Stunde Mittagspause, dann ging es weiter bis ca. 15.30. Abendessen bereiteten wir uns selber zu, meist kochte einer etwas für alle und da es Abends meist der Strom abgestellt wurde, gingen wir auch ziemlich früh zu Bett und hörten dem Konzert der Streuner zu, die ab Sonnenuntergang sehr aktiv wurden. Tagsüber geben sich die unzähligen Hunde friedlich, aber nachts geht es rund, Rudelkämpfe, Revierstreitigkeiten, Gejaule, Gebell, die ganze Nacht. Morgens lecken sie sich dann ihre Wunden und ruhen sich aus für die kommende Nacht.

Die meisten Patienten wurden für 2-3 mal pro Woche eingeteilt, so dass nach einer Woche so etwas wie Routine eintrat und damit auch Vertrautheit. Es war eine wunderbare Erfahrung zu sehen, wie es vielen schon bald besser ging.

Ab der 2. Woche änderte sich mein Stundenplan. Zukünftig sollte ich sozusagen in einer Zweigstelle praktizieren. Die kleine Bibliothek (kleiner Raum, zwei Regale, Tisch, drei Stühle und drei Matten auf dem Boden) einer buddhistischen Gemeinde in Patan (Patan grenzt direkt an Kathmandu, war früher die bedeutendere Stadt) diente als Praxisraum. Nun hieß es montags, mittwochs und freitags mit dem Microbus 1/2 Stunde nach Paten und dann durch die belebten Straßen, vorbei an Händlern und Straßengeschäften, kleinen Tempeln und Garküchen zu unserer Wirkstätte, „wir“ waren zumeist ein Dolmetscher, meist die süße Sunita oder der freundliche Naren und ich. Die Umstände vor Ort waren schwieriger, der Platz begrenzter und die Arbeit forderte eine hohes Maß an Gelenkigkeit und Flexibilität, aber es hat sehr viel Spass gemacht und wir haben viel gelacht. Bald konnte ich mir auch den einen oder anderen Namen merken und die Patienten/ Patientinnen mit Geeta, Moti, Asta oder Gautam ansprechen, mit den Namen unserer nepalesischen Freunde tat ich mich anfangs schwer, aber dann gelang es auch Sathyamohan, Sushila, Prajwol richtig auszusprechen, nur bei Bhuwaneswori (die freundliche Kraft am Empfang) tat ich mich schwer bis zuletzt.

In Patan bekamen wir extra gekocht. In einem separaten Raum saßen wir dann auf dem Boden und wurden sehr freundlich bedient, das Essen war köstlich und abwechslungsreich und wir bekamen auch Löffel; die Nepali essen, wie die Inder mit den Händen.

So gingen die nächsten Wochen vorüber, der Monsun hielt sich länger als gewöhnlich, wobei darunter nur gelegentliche Regenfälle zu verstehen sind, bei sehr angenehmen sommerlichen Temperaturen. Im Oktober feierten Hindus und Buddhisten (sie feiern alles gemeinsam in Nepal) ihre hohen Feiertage Daizan und kurz darauf Tihar, da wurde es ruhiger in der Praxis, da viele zu ihren Verwandten aufs Land fuhren. Und dann standen die langerwarteten Wahlen an und es kam zu kleineren Unruhen. Streiks, die sämtlichen öffentlichen Verkehr lahmlegten (auch Taxis fuhren nicht, da sie befürchten mussten mit Petrolbomben beschossen zu werden !) hatten aber auch eine sehr positive Begleiterscheinungen: die prächtige Kulisse des Himalaya war nun zu sehen. Nepal, insbesondere Kathmandu und das Kathmandutal leidet unter einer schlimmen Umweltverschmutzung mit extremem Smog, der sich bis weit über die Grenzen der Stadt ausdehnt. Selbst in über 2000 Metern Höhe (z.B. Nagarkot) steckt man noch im Dunst fest. So wurde der Streik zum Verbündeten, endlich die strahlenden Berge sehen zu können. Wegen der Feiertage und der Wahlen wurden auch die Stromsperren weitgehend aufgehoben, so dass ich es nicht erleben musste, 10-15 Stunden (am Tag) keinen Strom zu haben, kein Licht, kein Internet usw. wie es jetzt wieder der Fall ist.

Die freien Tage nutzte ich natürlich auch, mir etwas mehr von diesem wunderschönen Land anzusehen. Um nach Pokhara zu gelangen nahm ich ein Flugzeug, das war schnell und hatte den Vorteil, die Berge sehen zu können. leider konnte ich nicht auf diesem Weg zurück, der starke Taifun über Indien bescherte uns unerwartet starke Regenfälle und alle Flüge wurden gestrichen (man fliegt nach Sicht!), so blieb am Ende nur ein Taxi um zurückzukommen, zusammen mit zwei netten jungen Leuten, die ihren Rückflug nach Europa erreichen mussten. Da waren wir zu dritt hinten in einem kleinen Auto, vorne unser netter Fahrer Prakesh, auf dem Beifahrersitz sein Freund mit seiner ca.10 Jahre alten Tochter auf dem Schoß, circa 7 Stunden dauerte die Reise für 220 km. Aber es war eine sehr schöne Erfahrung, konnte ich so die schöne gebirgige Landschaft mit den vielen Flüssen erleben.

Ende November war es dann so weit, der Abschied stand bevor. Vor allem die Patienten und Initiatoren in Paten bereiteten einen bewegenden Abschied, es waren richtige Freundschaften entstanden. Die Patienten waren sehr dankbar für die Hilfe und zeigten das auf ihre freundliche Weise. Auch der Abschied von den wundervollen jungen Nepali in der Klinik fiel schwer.

Für sie werden neue, andere Therapeuten aus der Fremde kommen und die Erinnerung vielleicht verwischen, für mich wird sie noch lange sehr präsent sein.



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